18. Lauf für mehr Zeit, Frankfurt

Es ist geschafft. Juhu!!!

Als ich heute Morgen aufwachte, war alles recht surreal. Gestern Nachmittag noch war ich total wild aufs Laufen, ich wollte jetzt sofort … und heute Morgen fühlte sich alles so dumpf an. Ich schieb es auf die Aufregung, die ich da zwar noch nicht spürte, die aber bestimmt unterschwellig schon vor sich hin brodelte. So war alles, was mir blieb, ganz stumpfsinnig dem Sonntag seinen gewohnten Lauf zu lassen, der darin besteht, Kaffee zu trinken und über sinnloses Zeug nachzudenken.

Als ich mich dann mittags in meine Laufklamotten schmiss, dämmerte es mir dann doch langsam. Ich würde jetzt tatsächlich eineinhalb Stunden damit verbringen, um nach Frankfurt zu fahren, um dort fünf Kilometer zu laufen. Mit vielen, vielen anderen Menschen. Ich würde in einem riesigen Pulk stehen und auf den Startschuss warten (den ich dann gar nicht hörte, aber dazu später mehr), und dann würde ich wahrhaft und tatsächlich durch die Frankfurter Innenstadt laufen. Fünf Kilometer. Am Stück. Ich. Oh Gott.
Und dann nahmen die Dinge ihren Lauf, und ich fand mich inmitten einer enormen Menge Laufwilliger wieder, die – mitsamt jeweiliger Entourage – den gesamten Opernplatz in Beschlag nahmen. So was erschlägt mich immer irgendwie. Ich laufe immer alleine, überhaupt mache ich so ziemlich alles immer alleine; so große Veranstaltungen sind für mich jedes Mal ein bisschen fremdbestimmter Socializing-Overkill. Also Augen zu und durch. Startnummer abholen, ein Tshirt gab es auch mitsamt grünem Beutel, dessen Inhalt ich aber erst inspizierte, als ich wieder Zuhause war. Dann Rucksack zur Gepäckaufbewahrung. Startnummer angepinnt. Blick auf die Uhr: 14.45 Uhr …

… noch über eine Stunde Zeit! Mist. Was mach ich denn nur so lange? Erstmal die Toiletten suchen. Ah, da sind sie ja, hübsch aufgereiht und keine Schlange. Ist ja aber auch kein Wunder, ist ja noch so früh. Also rein. Aha, ist ja noch ganz erträglich. Oh, sieh nur, du bist mit dem Pissoir auf Augenhöhe, wie schön. Wieder raus. Und jetzt? Erstmal Areal ablaufen. Das ist ganz schön chaotisch hier. Und laut. Ich geh mal zum Rettungswagen da an der Fußgängerampel, da ist es bisschen leerer. You exist but do you live? Interessant, was man in Frankfurt so auf Ampelpfosten schreibt. Aber gute Frage. Es gibt eine Flasche alkoholfreies Bier für jeden Läufer? Lieber nicht. Dann lieber – Kaffee! Genau das Richtige jetzt, ist ja ein bisschen kühl, und es beginnt grade zu nieseln. Hoffentlich hört das bald wieder auf. Ich postier’ mich mal an dem Baum da, neben dem Grill. Der Grillmensch bewirbt die “Feuerwurst” damit, dass man dann noch schneller laufen könne. Würd ich an seiner Stelle auch tun. So ein Würstchen wäre jetzt schon was Feines. Nee, lieber nicht. Ich esse nie so kurz vorm Laufen. Der Kaffee war gut. Kaffee kann ich immer. Wo ist denn ein Mülleimer? Ah, da. Und wo waren noch mal die Dixies? Mist, Schlange. Nein, da brauchen Sie nicht zu probieren, Rot heißt besetzt. Geht ja doch recht fix. Hallo, Pissoir. Wenn die Rolle Klopapier den ganzen Nachmittag reicht, bin ich die Kaiserin von China. Hallo, Socializing-Meute. Die Hornbach-Läufer haben einen eigenen Warm-up-Guru? Wow. Nee, da mach ich jetzt nicht mit. Ich lauf mich gleich ein bisschen ein, reicht. Noch zwanzig Minuten. Hoffentlich hört der Regen bald auf. Ist kalt. Gott sei Dank hab ich meine Kappe an, dann regnet’s mir wenigstens nicht so ins Gesicht. Vielleicht kann ich später auch die Tropfen zählen, die vom Kappenschild fallen, wie Frauschmitt. Haha. À propos Frauschmitt: hier sind gar keine Zausel. Wieso sind hier keine Zausel? Ich möchte auch mal mit Zauseln laufen. Ich glaube, die gehen so langsam alle Richtung Start. Wo ist der überhaupt? Einfach mal hinterher. Ah, da. Stimmt, ich erinnere mich, war damals auch hier. Erstmal ganz nach hinten. Noch zehn Minuten. Ich bin schon klatschnass. Und kalt wird mir auch. Also warmlaufen. Die Polizisten hier langweilen sich bestimmt zu Tode, so abseits, wie die hier stehen müssen. Hallo. Ja, danke. Die sind nett. Jetzt müsste es losgehen. War ja klar, dass die ganz vorne nicht alle hinter der Ziellinie stehen. Die Langsamen sollen rechts laufen. Ich steh hier also genau richtig. Oh, ein Countdown, gleich kommt der Startschuss! War da ein Startschuss? Nee. Aber die laufen vorne los. Ok. Kann bisschen dauern. Endlich angehen. Mäuseschrittchen. Da vorne steht die Trommelgruppe, hoffentlich kann ich schon laufen, wenn ich da bin, ich kann unmöglich an ‘ner Trommelgruppe vorbeigehen! Yeah. Ich laufe! Geil. Geilgeilgeil. Nicht so schnell. Denk dran. Nicht so schnell. Ja, so ist gut. Die Frau da ist so schnell wie du, häng dich dran. Gut. Sehr gut. Danke schon mal im Voraus, Frau Unbekannt! Letztes Mal hab ich mir hier ein Rennen mit einer Fräulein Unbekannt gegönnt, aber heute gibt’s keine Rennen. Komm bloß nicht auf dumme Ideen. Durchlaufen, einfach nur durchlaufen. Immer Frau Unbekannt hinterher. Wir überholen. Schon wieder. Es gibt tatsächlich Läufer, die langsamer sind, als ich. Vielleicht bin ich gar nicht so langsam. Vielleicht renn ich schneller, als ich eigentlich sollte. Fühlt sich aber richtig an so. Also weiter. Ganz schön viele Kinder. Cool. Dieser Teil von Frankfurt ist ganz schön trist. Dafür ist es hier trocken. Hoffentlich bleibt es so. Eine Pfütze! Volle Kanne durch! Wooh! Gott, macht das Spaß. Wie viele hab ich jetzt schon überholt? Egal. Vollkommen egal. Einfach weiter. 15 Minuten. Nee, Wasser brauch ich nicht. Check mal alles durch. Atmung: 3/3. Ok. Hüfte, denk an die Hüfte. Ist vorne. Alles ok. So easy müsste es sich im Training auch anfühlen. Erinnere dich morgen an das Gefühl. Und kauf dir endlich richtige Regensachen. Wenigstens nieselt es nur wieder. Auch egal. Wow, ganz schön eng hier. Komische Streckenführung. Die armen Anwohner kommen hier gar nicht über die Straße. Scheiße. Sorry. Damals war die Strecke anders. Waren zwei Runden, oder? Und endlos viel Stimmung. Ist gar nicht mehr. Schade. Egal. Vollkommen egal. Der Streckenposten ist auch klatschnass. Aber er klatscht und ruft nette Dinge. Danke. Ich hasse Kopfsteinpflaster. Egal, ist mal was Anderes. Die Schuhe sind echt perfekt. Hab ich gut gekauft. Jetzt brauche ich nur noch Regensachen. Hoffentlich erkälte ich mich nicht. Wo ist Frau Unbekannt? 30 Minuten. Wo der Lärm ist, ist das Ziel. Und da ist die Queen! Das nenne ich standesgemäßes Winken. Haha. Das Ziel, da vorne irgendwo. Die werden alle schneller! Da bleib ich dran. Jetzt darf ich! Atmung auf 2/2 und Gas geben! Komm, komm, komm … uuund … ZIEL!!!

Ja, und da war ich im Ziel. Die Zeitmessung sagt, ich habe 32:46 gebraucht. Danke für’s Mitziehen, Frau Unbekannt! Und ich hätte echt noch weiter laufen können heute, so toll war es, trotz fehlender Streckenbespaßung. Hätte mir noch vor zwei Monaten jemand gesagt, dass ich in so kurzer Zeit in der Lage sein würde, 5km zu laufen, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Das war ein sehr schöner Tag heute. Die größte Belohnung jedoch ist: Ab morgen darf ich die 10k angehen. Ganz gezielt. Etwas, was ich wirklich noch nie vorher getan habe. Die perfekten Schuhe habe ich ja auch schon.

Nur die Regensachen, die fehlen noch.

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