Mainz halt! – Der 15. Gutenberg Marathon

Ich hatte wirklich darauf hin gefiebert. Nicht, weil ich ihn nicht erwarten konnte, sondern eher, weil mein Training die letzten fünf oder sechs Wochen recht unterirdisch war. Aber es half nichts. Der Wecker klingelte um fünf Uhr, nachdem ich um halb vier und halb fünf schon panisch wach geworden bin. Die Zeit bis zum Zug verlief recht chaotisch, ich vergaß auch mein Frühstück. Auf dem Weg zum Bahnhof würgte ich schnell eine Scheibe Weißbrot runter. Dann wieder Chaos, Kleiderbeutel abgeben, gefühlte zehn Mal aufs Dixie-Klo. Meine Startblock-Luftballonfarbe kannte ich nicht, also ganz nach hinten, zu den sympathischen Gestalten mit Bauchansatz und/oder im Kostüm. Pünktlich zum Startschuss setzte Regen ein. Erst ein kurzes Nieseln, dann so richtig. Schon zehn Minuten vorm Start hatte ich meine Garmin gestartet, zwanzig Minuten nach Überlaufen der Startmatte hatte sie den Satelliten immer noch nicht gefunden. Also Uhr aus und einfach durchlaufen. Ich würde mich ja — so dachte ich zumindest — an den Kilometerschildern grob orientieren können. Weit gefehlt, denn ich erinnere mich nur an eines bei Kilometer 10. Somit blieb mir nichts anderes als stur zu laufen.

Auch die richtigen Marathonis sind am Ende nur noch stur gelaufen. Respekt!

Auch die richtigen Marathonis sind am Ende nur noch stur gelaufen. Respekt!

Aber – was für ein Lauf! Zu Beginn lief ich mit einer sympathischen Giraffe, bis die Erdinger Bierflasche uns überholte. Die trotz Regen singenden sieben Zwerge schoben Schneewittchen im Glassarg vor sich her, da zog sich das Läuferfeld schon etwas auseinander. Als wir Richtung Bismarckplatz abbogen, kam uns auf der Gegenseite schon das Führungsfahrzeug entgegen, gefolgt von zwei munter dahin trabenden Rekordjägern. Fantastisch. Ich war sprachlos. Wir haben uns ALLE umgedreht, um diesen Wahnsinnskerlen hinterherzusehen. Das war bei Kilometer 4 oder 5, ich kann nur schätzen. Dann die erste Verpflegungsstation, die ich wie alle folgenden ignoriert habe. Alles, was ich an Wasser oder Nahrung brauchte, hatte ich in meiner superduper Trailweste verstaut, die beim Warten vorm Dixie-Klo vor dem Start schon einige Fragen provoziert hatte. Ich liebe sie, sie ist perfekt. Die Strecke durch Mombach zog sich ein wenig, und ich finde es nur fair, dass die Industriestraße in der zweiten Runde für die Marathonis nun wegfällt. Sie ist schon zäh, wenn man noch frisch ist, wie muss das erst nach knapp 30 Kilometern sein? Also: gute Entscheidung, liebe Entscheider! In Mombach dann Bombenstimmung inklusive Clown, der anscheinend den gesamten Weg in entgegengesetzter Richtung lief, nur ums uns entgegen zu rufen wie toll wir alle seien. An der Zwerchallee dann der erste Unfall: Ein Fahrradfahrer meinte, die Laufbahn überqueren zu müssen und kollidierte dabei mit einem der sehr schnellen Ekiden-Läufer. Dieser stürzte und schrubbte den Asphalt — mit seinem Gesicht. Ich sah kurz weg vor Schreck, und als ich mich wieder umdrehte, um zu sehen ob der Junge Hilfe bräuchte, da zog er auch schon wieder in einem Affentempo an mir vorbei. Adrenalin pur.

Über Musik lässt sich streiten - auch beim Laufen.

Über Musik lässt sich streiten – auch beim Laufen.

Zurück in die Stadt; an der zweiten Versorgungsstation hätte die Laufbahn deutlich breiter sein müssen. Dann ab in die Neustadt, den Regen merkte ich nicht mehr. Dort war deutlich weniger los, als ich dachte. Es waren eine ganze Menge Menschen da, aber es war eigenartig still. Vielleicht ist meine Erinnerung auch nur etwas vernebelt, ich weiß es nicht. Die Trommelgruppe am Sömmeringplatz war jedoch einsame Spitze. Die musikalische Beschallung in der Boppstraße hingegen … ich sage nur: Atemlos.

Und dann kam sie immer näher: die Innenstadt. Fantastisch. Diese Menschenmassen, diese Lautstärke. Ich hatte mir ja vor dem Lauf zur Sicherheit meine Kopfhörer eingepackt. Benutzen musste ich sie nicht. Im Nachhinein weiß ich auch, dass ich so das Piepskonzert beim Überlaufen der Kontrollmatten verpasst hätte. Das müsste man mal aufnehmen — der perfekte Klingelton! Kaiserstraße, Große Bleiche, Große Langgasse, Ludwigsstraße, am Theater vorbei, und dann ab durch die Altstadt! Die Strecke über die Augustinergasse habe ich genutzt, um mich mit dem Unvermeidlichen anzufreunden, das da auf mich zu kam: die Wormser Straße. Und es war genau so schlimm wie ich befürchtet hatte: Fünf. Nicht. Enden. Wollende. Kilometer. Ich weiß nicht, mit welchen Tempo ich vorher unterwegs gewesen bin, aber eins weiß ich sehr wohl: Die Wormser Straße hat mich gekriegt. Es war auf diesem letzten Stück des Gesamtkurses, dass ich mir wirklich eine funktionierende Uhr gewünscht habe. Einfach nur das Wissen, wie lang es sich noch zieht, war wirklich unbezahlbar für mich. Aber es half nichts, es gab nur eins: beißen. Und den Drang zu unterdrücken, erkennen zu wollen, ob denn da vorne nicht endlich bitte irgendwo der Wendepunkt war. Dann kam er endlich, ganz unvermittelt war er plötzlich da. Und ich wusste: nur noch 3,5 Kilometer! Das war doch mal was, womit ich was anfangen konnte! Auf dem Rückweg passierte ich noch ein Pärchen; der Mann schimpfte auf seine weibliche Begleitung ein, sie solle sich nicht so anstellen, er gäbe ihr noch 15 Minuten, er wolle Leistung sehen. Die Frau hat geschluchzt. Ich muss das nicht verstehen.

Irgendwann kam endlich die Rechtskurve auf die Zielgerade. Eigentlich war ich ziemlich fertig und dachte da mit Schaulaufen sei jetzt nichts mehr. Aber ich hab die Menschen am Straßenrand unterschätzt. Woher der Körper diese Reserven holt, weiß ich nicht. Adrenalin ist ein Höllenzeug! Ich nahm dermaßen an Fahrt auf, dass ich beinahe verpasst hätte, mich rechts zum HM-Finish einzuordnen. Das hätte gerade noch gefehlt: unbeabsichtigt den 2/3-Marathon gelaufen, weil ich die Ausfahrt verpasst habe! Aber mein Hirn hat gerade noch rechtzeitig den Spurwechsel gefunkt. Im Ziel sagte mir dann eine Dame that I did a nice job und überreichte mir die erste Finishermedaille meines Lebens. Ein schönes Gefühl.

Danach habe ich mich nicht lange aufhalten lassen. Auf der Suche nach fester Nahrung drückte mir jemand einen Becher Wasser in die Hand, den ich sofort trank. Die Strecke über hatte ich nur 0,5l Wasser getrunken, das war viel zu wenig. Meine zweite Trinkflasche hatte ich gar nicht angerührt. Saftschorlen- und Erdinger-Stand habe ich ignoriert. Irgendwann sah ich Plastikfolie glänzen. Butterbrezeln von Ditsch! Ich erwischte eine, die noch ganz leicht angefroren war — perfekt. Dann schnell hoch, meinen Kleiderbeutel geholt, Jacke angezogen, auf dem Weg nach draußen noch schnell eine zweite Brezel geschnappt.

Und dann ab nach Hause.

Geiler Tag.

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