Homo sapiens, Pheidippides und andere Katastrophen

Man könnte meinen, ich hätte mit dem Laufen aufgehört. Ewig kein neuer Beitrag, fast schon verräterische Stille. Und tatsächlich hatte ich im November eine Phase, in der ich mit der ganzen Laufsache haderte. Der zu erwartende Winter schreckte mich ab; ganze Tage verbrachte ich damit, zu recherchieren, welche Hilfsmittel nötig wären, um auf verschneiten und zugeeisten Wegen laufen zu können. Würde meine Laufkleidung ausreichen, um der Kälte zu widerstehen? Würde ich die Umfänge reduzieren müssen, um Unfälle zu vermeiden? Würde ich gesund — ohne Lungenentzündung oder Knochenbrüche — durch den Winter kommen?

Bei der ganzen Nachdenkerei wäre mir fast entgangen, dass der Winter diesmal quasi ausfiel. Kein Schnee. Kein Eis. Temperaturen im Plusbereich.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich laufe tatsächlich unbeirrt weiter. Der Termin meines ersten HM rückt gleichsam unbeirrt näher. Nachdem ich im Januar verschiedene Trainingspläne angesehen hatte, entschied ich mich für den 2:15-Plan auf lauftipps.ch. Der Grund ist ein ganz simpler: Er erlaubt es mir, mich in den verschiedenen Trainingseinheiten an Tempovorgaben zu orientieren, nicht (nur) an Pulsbereichen, wie das bei so vielen anderen der Fall ist. Ich habe zwei Male versucht, mit Pulsgurt zu laufen, und es ist eine Qual. Nicht nur, dass ich mir in jeder einzelnen Sekunde der Läufe bewusst war, diesen Gurt zu tragen (ein Umstand, der mich schier zum Wahnsinn trieb), sondern auch und besonders die unumstößliche Gewissheit, dass die von mir “geschätzte” HFmax nie und nimmer stimmen kann, machen eine Orientierung an diesen Vorgaben zur Farce. Meine HFmax liegt deutlich höher als die mit der Grundformel ‘220 – Lebensalter’ errechneten 185. Nun könnte ich mich an den tatsächlichen Wert heranlaufen, den wahren Wert so abschätzen, aber davor habe ich ehrlich gesagt Angst. Vollgas geben, allein in der Pampa? Nein, danke. Dann lieber Tempovorgaben.

Letzte Woche bin ich dann das erste Mal 20km gelaufen. Dummerweise hatte ich zwar ausreichend Wasser, jedoch nichts zu essen dabei. Ergebnis: schlagartiger(!) Formabfall durch Unterzuckerung ab Km17. Zusätzlich hatte ich mir auf den ersten 10km zwei fiese Blasen an den Fersen gelaufen, von denen die linke tapfer bis Km15 durchhielt, bei Km15,69 (ja, ich hab auf meine Uhr gesehen!) jedoch jeden Widerstand aufgab und aufging. Ursprünglich hatte ich an jenem Tag geplant, die vollen 21km zu laufen; in dem Moment jedoch, als mein linker Schuh plötzlich auf dem rohen Fleisch rieb, begann ich zu überlegen, ob ich nicht doch leicht abkürzen sollte.
Ich überlegte hin und her und versuchte gleichzeitig, den wahnsinnigen Schmerz zu ignorieren. Stehengeblieben bin ich nicht. Ich dachte mir, dass ich das jetzt eben einfach nicht ändern könne und dass (Achtung, jetzt kommt einer meiner Motivationsgedanken mit Erfolgsgarantie!) der frühe Homo sapiens auch nicht einfach stehenbleiben konnte, nur weil er ein Steinchen oder eine kleine Schnittwunde in der Fußsohle hatte. Die Beute musste totgehetzt werden, davon war das Überleben abhängig. Da war kein Platz für Befindlichkeiten. Daran denke ich in solchen Situationen, und dann sag ich mir selbst: Stell dich nicht so an, verdammt! Du bist ein Homo sapiens, und jetzt beweis es! Und dann lauf ich einfach weiter, egal wie weh es tut.

Dieses Ignorieren von Schmerzen etc. kann aber auch nach hinten losgehen — und genau das wäre um ein Haar passiert. Ich bin direkt in die Unterzuckerung gelaufen. Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, dass meine Glykogenspeicher tatsächlich leer werden könnten. So naiv war ich. Bei Km17, vollkommen mit der mentalen Ausblendung meiner Ferse(n) beschäftigt, bemerkte ich, wie meine Umwelt merkwürdig stumpf wurde. Ich dachte, es läge an der Flüssigkeitszufuhr, also trank ich. Und trank. Und trank. Keine Verbesserung. Bei Km 18 dämmerte mir, der Grund könne woanders liegen, ich tippte auf: Erschöpfung! Also flugs wieder das Homo-sapiens-Programm aufgerufen. Stell dich nicht so an. Lauf weiter. Bis zu dem Pfosten. Zu dem Auto. Zu der Wegkreuzung. Der Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich deutlich langsamer unterwegs war als vor zwei Kilometern. An den letzten Kilometer erinnere ich mich überhaupt nicht, meine Garmin sagt jedoch, ich sei unbeirrt weitergelaufen. Ich glaube, ich habe meine Umwelt kaum noch wahrgenommen. Meine Erinnerung setzt wieder ein, als ich in meiner Küche stehe, und mich höllisch darauf konzentrieren muss, Haferflocken in eine Schüssel zu geben und einen Apfel in kleine Stücke zu schneiden. Ich weiß noch, dass ich innerlich sehr gezittert habe und dass es sehr anstrengend war, den Honig aus der Flasche in die Haferflocken zu drücken. Ich weiß noch, dass es mich Überwindung gekostet hat, diese Schüssel zu nehmen. Und woran ich mich sehr genau erinnere ist das Gefühl des Abdriftens, als ich mit der Schüssel zum Tisch ging. Ich kenne ein ähnliches Gefühl aus dem Krafttraining: Der Organismus schaltet kurzzeitig ab, eine Schutzfunktion, meist durch starke Pressatmung verursacht. Dann ist man kurz weg, jedoch nur ein paar Sekunden. Aber das Gefühl nach diesem Lauf war die potenzierte Version: Ich konnte förmlich fühlen, wie der Organismus nicht mehr optimal funktionierte. Irgendwas war anders. Die Gedanken flogen einfach weg, ich wusste fast nicht mehr, was ich mit der Schüssel vor hatte. Meine Wohnung wurde plötzlich deutlich dunkler. Die Schüssel wog eine gefühlte Tonne. Der Weg zum Tisch schien endlos. Ich konnte nicht mehr richtig denken. Hätte man mich gefragt, wo ich bin, ich hätte es nicht beantworten können.

Ich hatte langsam wirklich Angst, und eine sehr, sehr leise Stimme hinter einer sehr, sehr dicken Wand flüsterte mir plötzlich unentwegt zu, ich solle mich einfach ausruhen. Ignorier die Übelkeit, lass Haferflocken einfach Haferflocken sein und ruh dich aus. Das sagte diese Stimme. Und ich merkte, wie ich begann, der Stimme zuzuhören. Wenn ich jetzt zurückdenke an diesen Moment, läuft es mir kalt den Rücken runter. Ich weiß nicht mehr, was mich dann doch dazu bewegt hat, den ersten Löffel in meinen Mund zu befördern. Ich erinnere mich nicht daran, wie ich die Schüssel geleert habe. Das nächste, woran ich mich dann erinnere, ist die Schüssel, in der noch ein paar Haferflocken in einem Rest Milch schwammen. Und dass ich schier ewig in diesen Rest gestarrt habe und in einer Endlosschleife dachte: “Reicht das? Es muss reichen. Reicht das? Es muss reichen. Reicht das? Es muss …” Dann ließ ich mich nach rechts auf mein Sofa fallen. In ein paar Stunden musste ich zur Arbeit, aber daran dachte ich gar nicht. Ich lag da, bestimmt eine Stunde, und — lag einfach da. Kein Ausruhen, keine Müdigkeit in dem Sinne. Irgendwas war mit meinem Körper los, ich habe mich gar nicht getraut, abzuschalten, weil ich dachte, wenn ich jetzt einschlafe — wache ich dann wieder auf? Dann dachte ich an Pheidippides. Hatte er das gefühlt, bevor er starb? Hatte er einfach das getan, was diese Stimme ihm sagte: Ruh dich aus? Ich denke, die Tatsache, dass ich zu diesem Gedanken fähig war, zeigt, dass ich langsam wieder klar wurde. Zu jenem Zeitpunkt jedoch war mir das gar nicht klar, ich hatte nur Angst.

Die nächsten vier Tage bin ich nicht gelaufen, alleine der Gedanke daran hat mich abgeschreckt. Stattdessen habe ich gegessen. Und gegessen. Und gegessen. Fast ausschließlich Kohlenhydrate, mein Körper wollte nichts anderes als Kohlenhydrate. Man könnte das sehr wohl als tagelangen Fressflash bezeichnen, schließlich ist es mein Körper nicht gewohnt, die KH-Speicher zügig zu entleeren und dann wieder aufzufüllen. Tatsächlich war es wohl das erste Mal überhaupt, dass so etwas geschah. Am fünften Tag wachte ich morgens auf und wusste schlagartig: Heute kannst du wieder laufen, es ist vorbei. Und dann bin ich losgelaufen.

Ich werde längere Läufe nicht mehr ohne Nahrungszufuhr angehen. Nie mehr. Ich bin sehr dafür, dass man seine körperlichen Grenzen austestet, und das habe ich immer getan. Ich habe mir Muskelfaserrisse zugezogen, ganze Muskelstränge an- und Knorpelhaut abgerissen, Gelenke ausgekugelt, bin während Kniebeugen ohnmächtig umgefallen. Nun weiß ich auch, wo meine Ausdauergrenze liegt, zumindest momentan. Im Unterschied zu den Grenzaufzeigungen im Kraftsport ist die im langen Laufen aber von existentieller Natur: hier geht es wirklich an die Basis, das ist bedrohlich.
Wenn ich mir jetzt die Leistungen von Kipsang, Radcliffe und Co. ansehe, verdienen sie nur umso mehr Bewunderung. Welche Disziplin muss nötig sein, um einen Organismus so weit zu bringen, dass die Energiegewinnung vorrangig über die Fettverbrennung läuft? Wie viele unsagbar harte Trainingseinheiten haben diese Menschen hinter sich? Wie zur Hölle bringt man einen Körper dazu, über mehr als zwei Stunden mit gut 20km/h unterwegs zu sein — und danach nicht tot umzufallen? Und weshalb hat Pheidippides nicht einfach mal angehalten und was gegessen, verdammt?

Die Antwort auf all diese Fragen ist wohl so simpel wie ernüchternd, und sie lautet:

Homo sapiens.

 

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