Von Gazellen und Lokomotiven

Es gibt Dinge, die werde ich nie vergessen. Wann genau sie sich zugetragen haben, das entfällt mir letztendlich immer, aber die Bilder, die sie hinterlassen, die werden mir mein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich spreche nicht von großen politischen Ereignissen oder Vorkommnissen, die in den Geschichtsbüchern landen. Nein, davon spreche ich nicht. Ich meine die kleinen Dinge, die man manchmal nur nebenbei wahrnimmt, aus dem Augenwinkel sozusagen. Dinge, die einen Menschen ganz nebenbei einzigartig machen. Und wenn ich sage: Menschen, dann meine ich in diesem Zusammenhang eigentlich: Läufer. Schließlich ist das hier ein Laufblog.

Man sagt mir manchmal, ich sei zu pathetisch, würde manchen Dingen einfach zu viel Gewicht beimessen.
Nun, in Sachen Pathos bin ich von vornerein entschuldigt, schließlich bin ich Halbgrieche. Da ist das ganz normal. Ich kann nicht anders. Achtet mal drauf, wenn ihr wieder mit ‘nem Griechen redet. It comes naturally. Und das mit dem zu viel Gewicht beimessen … ich weiß nicht. Geht das überhaupt?

Der erste Läufer, den ich jemals irgendwie wahrgenommen habe, war – eine Frau. Grit Breuer. Irgendwelche Meisterschaften, ich glaube, es war die 400m-Staffel. Sie war Schlussläufer und ich am Bügeln. 200m bis zum Ziel, eine Russin vor ihr, die die Führung hartnäckig verteidigte. Gerade, als ich den Das wird nix mehr-Gedanken in mir aufkommen fühlte, passierte es. Grit Breuer griff an, überholte und siegte. Elegant und hammerhart zugleich. Am nächsten Tag bügelte ich nicht. Stattdessen stand ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Laufband und wusste nicht, wie mir geschah. Bis zu jenem Tag hatte ich – wie wir alle – unzählige Läufer bei unzähligen Wettkämpfen gesehen. Beeindruckend fand ich sie zwar immer, aber sie haben mich nicht erreicht – bis zu jenem Tag im Sommer, als ich diese eine Läuferin sah und wusste, dass ich von nun an laufen würde. Ganz einfach.

Von da an nahm ich sie plötzlich wirklich wahr, diese Gestalten, die auf Bahn oder Straße vor allem gegen sich selbst kämpften.
Einer stach immer heraus, bis heute: Haile Gebrselassie. Der Mann ist die personifizierte Gelassenheit und Freundlichkeit und, ja, auch Dankbarkeit. Wenn ich ihn sah, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihm irgendein Helfer oder Trainer (braucht der Mann überhaupt einen Trainer?) ein “Quäl dich, du Sau!” zuzischen musste, damit er durchhielt. Ich glaube, das muss man keinem afrikanischen Läufer sagen. Aus der Armut läuft man von selbst verbissen schnell, wenn man denn kann.
Und Haile konnte. Mann, wie er das konnte.

Ich wünschte, ich könnte auch so locker die Kilometer abrasseln wie Haile. Vor allem, wenn ich noch so elegant dabei aussehen würde, immer ein fröhliches Lächeln auf den Lippen. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus. Zwar renne ich nicht so erstaunlich stocksteif durch die Gegend wie so manche Chinesin, über die ich mich jedes Mal nur wundern kann, aber besser macht das die Sache auch nicht. Wenn es eine Läuferin gibt, die mir durch ihren scheinbar unökonomischen Laufstil wahrscheinlich auch nur irgendwie ähnelt, dann ist das die Frau, von der ich, als ich sie das erste Mal laufen sah, dachte, das könne doch jetzt nicht wahr sein. Ich erinnere mich: Marathon, die Kamera-Einstellung zeigte den Führungspulk von fünf oder sechs Frauen, und der Kommentator verkündete: “Da kommt sie, die Lokomotive.” Ich wusste sofort, welche der mir vollkommen unbekannten Frauen er meinen musste. Es stellte sich heraus, dass diese Frau auch einen Namen hat: Paula Radcliffe.
Wenn man sie laufen sieht, dann kann man nicht anders, als in buddhistisch angehauchter Weise zu denken: Laufen heißt leiden. Kein Vergleich zum fast unbeschwert erscheinenden Dahingazellen ihrer afrikanischen Konkurrentinnen. Wer Paula sieht, weiß sofort, der Marathon ist eine verdammt ernste Sache. Den Marathon läuft man nicht einfach so, schon gar nicht ohne Kompressionssocken. Marathon ist Kampf. Kampf gegen die Anderen und vor allem gegen sich selbst – und wenn man wirklich Pech hat, dann kann man sogar am Ende in attischer Tradition sterben. Jeder Schritt ein kleiner Sieg; um einen Marathon zu überstehen, muss man vor allem eins: leiden können. Und Paula konnte. Mann, wie sie das konnte.

Ich bin mir sicher, auch Haile litt in seinem Training – und auch während der Wettbewerbe. Wahrscheinlich sogar sehr. Wahrscheinlich genau so sehr wie Paula. Und so unökonomisch konnte Paulas Laufstil gar nicht sein, schließlich hält sie meines Wissens bis heute den Weltrekord der Frauen. Jedoch sehe ich die beiden, Paula Radcliffe und Haile Gebrselassie, auf einer Art immergültigem Leistungsstrahl: Das Leiden kommt vor dem eleganten Dahingazellen. Oder eben nochmal anders:

Um hailegebrselassien zu können, muss man paularadcliffen gelernt haben.

 

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